EPIsoDE-Studie 2026: Was Psilocybin bei Depression zeigte

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Wissenschaftliche Illustration der EPIsoDE-Studie mit Gehirnnetzwerk, drei Studiengruppen und Ergebnisverläufen
EPIsoDE untersuchte 25 mg und 5 mg Psilocybin sowie Nicotinamid bei therapieresistenter Depression.

Am 18. März 2026 erschienen in JAMA Psychiatry die Ergebnisse von EPIsoDE, einer in Mannheim und Berlin durchgeführten randomisierten klinischen Studie. Das Projekt untersuchte, ob Psilocybin zusammen mit psychotherapeutischer Begleitung Menschen helfen kann, deren Depression auf mehrere etablierte Behandlungen nicht ausreichend angesprochen hatte.

Gerade weil das Thema häufig zwischen Euphorie und pauschaler Ablehnung verhandelt wird, verdient die Studie eine genaue Lektüre. Eine Schlagzeile wie „Psilocybin wirkt gegen Depression“ lässt wichtige Details aus. Ebenso verkürzt wäre die Behauptung, die Studie sei negativ und damit bedeutungslos. Entscheidend ist, welcher Endpunkt gemessen wurde, zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Vergleichsgruppe.

Was war die EPIsoDE-Studie?

EPIsoDE steht für „Efficacy and Safety of Psilocybin in Treatment-Resistant Major Depression“. Verantwortlich waren das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und die Charité – Universitätsmedizin Berlin; beteiligt waren außerdem die MIND Foundation und weitere Forschungspartner. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte das Projekt.

MerkmalEPIsoDE
StudientypRandomisierte, kontrollierte, dreifach verblindete Phase-2b-Studie
Teilnehmende144 Erwachsene mit therapieresistenter Major Depression
StandorteZentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim und Charité Berlin
Erste Behandlungsphase25 mg Psilocybin, 5 mg Psilocybin oder 100 mg Nicotinamid als aktiver Vergleich
BegleitungVorbereitung, psychotherapeutisch begleitete Sitzung und Nachbereitung
Primärer EndpunktKlinisches Ansprechen auf der HAMD17-Skala nach sechs Wochen
RegisterClinicalTrials.gov NCT04670081

„Therapieresistent“ bedeutete hier nicht, dass gar keine Behandlung möglich wäre. Gemeint war, dass mindestens zwei angemessen durchgeführte medikamentöse Therapieversuche in der aktuellen depressiven Episode keine ausreichende Besserung gebracht hatten. Die untersuchte Gruppe war deshalb schwerer zu behandeln als eine durchschnittliche Gruppe mit erstmaliger oder unkomplizierter Depression.

Wie lief die Behandlung ab?

Die Teilnehmenden erhielten nicht einfach eine Kapsel und wurden anschließend allein gelassen. Das Prüfmedikament war Teil eines strukturierten klinischen Ablaufs. Dazu gehörten Vorbereitungsgespräche, eine mehrstündige Sitzung unter professioneller Aufsicht und Termine zur Nachbereitung. Genau diese Kombination wird in der Forschung meist als psilocybinassistierte Therapie oder als Psilocybin mit psychologischer beziehungsweise psychotherapeutischer Unterstützung beschrieben.

In der ersten Phase wurden die Teilnehmenden zufällig einer von drei Gruppen zugeordnet:

  • 25 mg Psilocybin als deutlich psychoaktive Prüfbedingung,
  • 5 mg Psilocybin als niedrige Dosis und Vergleichsbedingung,
  • 100 mg Nicotinamid als aktiver Vergleich ohne psychedelische Hauptwirkung.

Nach dem ersten Untersuchungsabschnitt folgte eine zweite Behandlungsphase. Die Konstruktion erlaubte es den Forschenden, Wirksamkeit, zeitlichen Verlauf und Sicherheit aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Sie macht die Interpretation aber komplexer: Sobald im späteren Verlauf mehrere Gruppen eine wirksame Psilocybin-Dosis erhalten hatten, ließ sich der ursprüngliche Gruppenvergleich nicht mehr unverändert fortsetzen.

Das zentrale Ergebnis: Der primäre Endpunkt war negativ

Der wichtigste vorab definierte Prüfstein war der Anteil der Teilnehmenden, die nach sechs Wochen auf der HAMD17-Skala ein klinisches Ansprechen erreichten. In der 25-mg-Gruppe waren das 17 Prozent, in der 5-mg-Gruppe 13 Prozent und in der Nicotinamid-Gruppe 11 Prozent. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Damit erreichte die Studie ihren primären Endpunkt nicht.

Dieser Satz gehört in jede seriöse Zusammenfassung. Primäre Endpunkte werden vor der Auswertung festgelegt, damit Forschende nicht nachträglich nur jene Messgröße hervorheben, die besonders günstig aussieht. Fällt der primäre Test negativ aus, darf ein positiver Nebenaspekt ihn nicht einfach ersetzen.

Gleichzeitig bedeutet ein negativer primärer Endpunkt nicht automatisch, dass zwischen den Gruppen überhaupt kein Unterschied bestand. Ein binäres Kriterium – „Responder“ oder „kein Responder“ – reduziert eine kontinuierliche Skala auf zwei Kategorien. Eine Person knapp unterhalb des Grenzwerts zählt dabei genauso als Nicht-Responder wie eine Person ohne jede Veränderung.

Der wichtige sekundäre Befund: stärkere mittlere Symptomabnahme

Beim zentralen sekundären Endpunkt, der durchschnittlichen Veränderung des HAMD17-Gesamtwerts, zeigte die 25-mg-Gruppe nach sechs Wochen eine stärkere Abnahme als die Nicotinamid- und die 5-mg-Gruppe. Gegenüber Nicotinamid lag die Differenz im Mittel bei 4,6 Punkten zugunsten von 25 mg Psilocybin.

Auch der zeitliche Verlauf ist aufschlussreich. Eine Woche nach der ersten Sitzung lag die Ansprechrate in der 25-mg-Gruppe bei 34,0 Prozent; in den Vergleichsgruppen waren es 6,4 beziehungsweise 10,4 Prozent. Der Effekt schien also früh am stärksten zu sein und nahm danach ab. Das passt zur Hypothese eines rasch einsetzenden, aber nicht bei allen Menschen dauerhaft stabilen Effekts.

Nach der zweiten Dosis bestanden keine klaren Gruppenunterschiede mehr, weil zu diesem Zeitpunkt alle Teilnehmenden mindestens einmal 25 mg erhalten hatten. Über die Gesamtgruppe hinweg war der HAMD17-Wert nach zwölf Wochen im Mittel um 7,5 Punkte gesunken; 31 Prozent erfüllten das Ansprechkriterium. Diese spätere Beobachtung ist interessant, war aber nicht als gleichwertiger Beweis eines kontrollierten Gruppenunterschieds angelegt.

Warum können primärer und sekundärer Endpunkt auseinandergehen?

Die Forschenden nennen mehrere mögliche Gründe. Bei der Planung war der erwartete Anteil der Responder höher angesetzt worden, als er in der Studie tatsächlich ausfiel. Dadurch hatte der binäre primäre Endpunkt weniger statistische Trennschärfe. Eine kontinuierliche Messung nutzt dagegen jede Veränderung auf der Skala und kann Gruppenunterschiede sichtbar machen, auch wenn viele einzelne Personen die starre Responder-Schwelle knapp verfehlen.

Außerdem waren die Teilnehmenden im Durchschnitt seit langer Zeit erkrankt und bereits mehrfach behandelt worden. Eine Intervention kann in einer solchen Gruppe anders abschneiden als bei Menschen mit einer früheren oder weniger chronischen Depression. Das ist keine nachträgliche Entschuldigung, sondern eine Forschungsfrage für kommende Studien.

Welche Nebenwirkungen wurden beobachtet?

Die meisten unerwünschten Ereignisse waren mild bis moderat und traten während oder kurz nach den Behandlungssitzungen auf. Dazu gehörten typische akute psychische, emotionale und körperliche Reaktionen. Insgesamt wurden nach 25 mg mehr unerwünschte Ereignisse erfasst als in früheren Studien, möglicherweise weil EPIsoDE systematischer danach fragte.

Es gab zugleich Signale, die eine nüchterne Bewertung verlangen. Suizidale Gedanken wurden am Behandlungstag nach 25 mg bei 4 Prozent berichtet, verglichen mit 1 bis 2 Prozent in den Vergleichsbedingungen. Schwere unerwünschte Ereignisse waren selten. Bei einer Person entwickelte sich eine anhaltende Wahrnehmungsstörung im Sinne einer HPPD zusammen mit einer breiteren psychischen Destabilisierung.

Solche Befunde zeigen, warum die Ergebnisse einer überwachten Studie nicht auf eine Selbstbehandlung übertragen werden können. Klinische Studien schließen bestimmte Vorerkrankungen aus, prüfen Medikamente und Begleiterkrankungen, überwachen die Sitzung und halten Unterstützung für Krisen bereit.

Was bedeutet die Studie im Vergleich zu früheren Untersuchungen?

Frühere randomisierte Studien hatten bei Major Depression oder therapieresistenter Depression häufig rasche Verbesserungen nach einer einzelnen Psilocybin-Sitzung gefunden. Beispiele sind die 2022 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Dosisfindungsstudie und eine 2023 in JAMA publizierte Untersuchung bei Major Depression.

EPIsoDE ist besonders wertvoll, weil sie drei Eigenschaften kombiniert: eine relativ große Stichprobe, eine unabhängige akademische Durchführung in Deutschland und eine anspruchsvolle Gruppe mit therapieresistenter Erkrankung. Das gemischte Ergebnis bremst überzogene Erwartungen und stärkt zugleich die Grundlage für bessere Folgestudien.

Die Studie zeigtDie Studie zeigt nicht
25 mg waren bei der mittleren Symptomveränderung nach sechs Wochen den Vergleichsbedingungen überlegen.Dass jede behandelte Person anspricht.
Die stärkste Trennung war bereits nach einer Woche sichtbar.Dass eine frühe Besserung automatisch dauerhaft bleibt.
Eine Durchführung in deutschen Kliniken ist grundsätzlich machbar.Dass Psilocybin regulär verordnet werden kann.
Nebenwirkungen müssen systematisch erfasst und ernst genommen werden.Dass ein unbeaufsichtigter Konsum einer klinischen Behandlung entspricht.

Warum Verblindung bei Psilocybin ein Grundproblem bleibt

Eine dreifache Verblindung klingt zunächst so, als wüssten Teilnehmende, Behandelnde und Auswertende nicht, wer welche Bedingung erhielt. Bei stark spürbaren psychedelischen Effekten lässt sich die Gruppenzuteilung jedoch häufig erraten. Forschende sprechen von funktioneller Entblindung. Erwartungen können dadurch ungleich zwischen den Gruppen verteilt sein.

EPIsoDE verwendete mit Nicotinamid und einer niedrigen Psilocybin-Dosis anspruchsvollere Vergleichsbedingungen als ein völlig inertes Placebo. Vollständig lösen lässt sich das Problem damit nicht. Eine systematische JAMA-Auswertung aus dem Jahr 2026 fand, dass nur ein kleiner Teil psychedelischer randomisierter Studien die Qualität der Verblindung überhaupt systematisch prüfte. Unser eigener Hintergrundartikel erklärt, warum Psychedelika-Studien so schwer zu verblinden sind.

Ist Psilocybin jetzt in Deutschland als Therapie verfügbar?

Nein. Psilocybin und Psilocin stehen in Anlage I des deutschen Betäubungsmittelgesetzes. Das bedeutet, dass sie grundsätzlich nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel sind. Forschung ist unter behördlich genehmigten Bedingungen möglich. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte weist darauf hin, dass bei klinischen Prüfungen mit Betäubungsmitteln zusätzlich zur Studiengenehmigung eine Erlaubnis der Bundesopiumstelle nach § 3 BtMG erforderlich ist.

Eine abgeschlossene Phase-2b-Studie ist außerdem keine Arzneimittelzulassung. Für eine reguläre Behandlung müssten Nutzen, Risiken, Herstellungsqualität, Dosierung, Patientenauswahl und der therapeutische Rahmen in weiteren Studien und einem Zulassungsverfahren ausreichend geklärt werden.

Die fünf wichtigsten offenen Fragen

  1. Wer profitiert am ehesten? Durchschnittswerte verdecken, dass einige Menschen deutlich, andere wenig und einzelne ungünstig reagieren.
  2. Wie lange hält eine Besserung? Früh sichtbare Effekte müssen in größeren Studien über längere Zeiträume verfolgt werden.
  3. Welche Rolle spielt die psychotherapeutische Begleitung? Vorbereitung, Beziehung, Umgebung und Nachbereitung sind zwischen Studien nicht vollständig standardisiert.
  4. Wie lässt sich Entblindung methodisch berücksichtigen? Aktive Vergleichsmedikamente, Erwartungsmessungen und verblindete externe Rater sind wichtige, aber unvollkommene Werkzeuge.
  5. Wie sieht der Vergleich mit etablierten Behandlungen aus? Eine neue Therapie muss nicht nur besser als Placebo, sondern im klinischen Alltag sinnvoll, sicher und bezahlbar sein.

Fazit: ein wichtiges, bewusst unbequemes Ergebnis

Die EPIsoDE-Studie liefert genau jene Art Ergebnis, die gute Wissenschaft voranbringt: Sie bestätigt einen Teil früherer Signale, widerspricht zu einfachen Erfolgserzählungen und zeigt, welche Messmethoden verbessert werden müssen. 25 mg Psilocybin mit psychotherapeutischer Begleitung führten im Mittel zu einer stärkeren Symptomabnahme als die Vergleichsbedingungen. Der Anteil klinischer Responder nach sechs Wochen unterschied sich jedoch nicht signifikant.

Für Betroffene bedeutet das: Psilocybin ist ein ernst zu nehmender Forschungsansatz, aber im Juli 2026 keine reguläre Standardtherapie in Deutschland und keine nachgewiesene Lösung für jeden Menschen. Für die Forschung bedeutet es: größere, methodisch robuste Studien mit längerer Nachbeobachtung und klarer Prüfung von Verblindung, Patientenauswahl und Begleittherapie sind der nächste Schritt.

Häufige Fragen zur EPIsoDE-Studie

War die EPIsoDE-Studie erfolgreich?

Das hängt von der exakt gestellten Frage ab. Der primäre Endpunkt wurde nicht erreicht. Beim zentralen sekundären Endpunkt, der mittleren HAMD17-Veränderung, schnitt 25 mg Psilocybin besser ab. Seriös ist deshalb nur eine gemischte Bewertung.

Wie viele Menschen nahmen teil?

Die Studie schloss 144 Erwachsene mit therapieresistenter Major Depression an zwei deutschen Studienzentren ein.

Wurde Psilocybin allein oder mit Psychotherapie untersucht?

Untersucht wurde Psilocybin in einem strukturierten Rahmen mit Vorbereitung, professionell begleiteter Sitzung und Nachbereitung. Das Ergebnis lässt sich nicht von diesem Kontext trennen.

Kann man die Therapie in Deutschland bekommen?

Nicht als regulär zugelassenes Antidepressivum. Zugang kann nur im Rahmen genehmigter klinischer Forschung oder anderer ausdrücklich erlaubter medizinischer Programme bestehen.

Wo finde ich Grundlagen zu den Wirkstoffen?

Unser Leitfaden Psilocybin und Psilocin erklärt Umwandlung, Rezeptorwirkung und die wichtigsten chemischen Unterschiede. Der Beitrag Psilocybin im Gehirn vertieft die aktuelle Neuroimaging-Forschung.

Primärquellen und Register

  1. Mertens LJ et al. Efficacy and Safety of Psilocybin in Treatment-Resistant Major Depression: The EPISODE Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry. 2026.
  2. ClinicalTrials.gov: NCT04670081, Studienregister und Protokollangaben.
  3. Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. EPIsoDE – Psilocybin-Depressionsstudie.
  4. Goodwin GM et al. Single-Dose Psilocybin for a Treatment-Resistant Episode of Major Depression. New England Journal of Medicine. 2022.
  5. Raison CL et al. Single-Dose Psilocybin Treatment for Major Depressive Disorder. JAMA. 2023.
  6. BfArM: Betäubungsmittel in klinischen Studien.

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